Aus der Zeit des 16. Jahrhunderts, dem Jahrhundert der Reformation, befinden sich vier Kunstwerke in unserer Kirche: zwei Epitaphe, ein Kreuzigungsbild und ein Holzrelief, das eine Szene des Heiligen Abendmahls darstellt. Das Wort Epitaph stammt aus dem Griechischen und bedeutet soviel wie „zum Grab, zum Begräbnis gehörend“. Es handelt sich um eine Art von Totengedächtnismalen, die die Erinnerung an die Verstorbenen mit einem religiösen oder allegorischen Bildwerk in Verbindung bringen. Die ersten Epitaphe entstanden im 14. Jahrhundert, und ihre Geschichte reicht bis ins 18. Jahrhundert hinein. So malte auch Christian Bernhard Rode noch Epitaphe, von denen eines ebenfalls in unserer Kirche zu sehen ist. Diese Art des Totengedenkens war sowohl in katholischen wie in protestantischen Ländern verbreitet.

Epitaph Wilcke/Marcksen

Das Epitaph Wilcke/Marcksen, das sich rechts unter der Orgelempore befindet, stammt aus dem späten 16. Jahrhundert und ist eine Nachempfindung des Lutherischen Glaubensbildes, das von Lukas Cranach d. Ä. in unzähligen Varianten gemalt worden war. Das große Thema des Lutherischen Glaubensbildes lautet: Der Mensch zwischen Gesetz und Evangelium. Das Gesetz wird repräsentiert durch Personen und Szenen aus dem Alten Testament auf der linken Seite des Bildes gegenüber solchen aus dem Evangelium auf der rechten Seite.

Epitaph Wilcke/MarcksenUngewöhnlich an diesem Bild ist, dass der Mensch in der Mitte des Bildes auf einem Sarkophag sitzt. In Cranachs Bildern steht oder geht der Mensch in der Mitte des Bildes. Links von diesem Menschen sehen wir Moses, der das Gesetz repräsentiert, rechts von ihm ist die Gestalt Johannes des Täufers dargestellt, der auf die Szenen mit Jesus Christus, die Szenen der Erlösung und Gnade, verweist. Hinter dem Menschen steht ein Baum, dessen linke Hälfte, die „Gesetzeshälfte“, verdorrt ist, während die rechte Hälfte, die Seite des Evangeliums, erblüht. Entsprechend dieser Zweiteilung sehen wir links oben eine klassische Verbildlichung Gottes als alten bärtigen Mann mit den Gesetzestafeln in der Hand, in der rechten oberen Ecke, sozusagen als Kontrapunkt, Jesus in Gethsemane.

Interessant ist auch, dass dieses Bild wie eine Moritatentafel benutzt werden kann. Die einzelnen Personen und Szenen sind mit roten Buchstaben von A bis Z versehen. Im unteren Viertel des Bildes befindet sich ein Text, der in einer etwas schwerfälligen Reimform die Geschichten des Bildes nacherzählt. Zwischen die Zeilen dieses Textes sind wiederum mit roter Farbe die Buchstaben eingefügt, die auf die entsprechende Szene verweisen. So ist zum Beispiel Eva mit dem Buchstaben A bezeichnet, und der Text beginnt mit den Zeilen „Wenn A Even Apfel biß...“. Auf diese Weise könnte mit einem Zeigestock in der Hand der Text gelesen und dabei auf die jeweiligen Szenen gezeigt werden. Der schwer entzifferbare Text des Bildes lautet:

 

Wenn A Even Apfel biss, womit B der Schlang gelungen

der Teuffel dass C der Tod zu D dir hindurchgedrungen,

der Mensch, wenn E das Gesetz, so F Gott gab G Mose: dort,

mit Donner, Feuer und Blitz am sinaischen Ort.

Wenn diese dir am End den Tod und Hölle dreuen,

dass leider du für Furcht, für Schrecken, Angst und Scheuen

verdorrest wie ein H Baum, auch fast erstorben bist,

 mehr drum, dass deine Frucht stets arg gewesen ist.

 

So bist du, wie man sieht, in hindert tausent Nöthen

doch aber fass ein Hertz: sieh wie der I Schlangen tödten

zu wüsten mussten dort. Die schwere Sünden straft

so das Volck Israel um ihre Sünde traff

Der weise Gottes Mann K, der Moses kunte stillen,

 sobald L die ehrin Schlang nach Gottes Rath und Willen.

Er an dem Holtz erhub, daß wer da war verwund

und an die Schlang sah an kund stund an sein gesund

 

Und wieder diesen Gifft erhalten ihm das Leben.

Also kann dieses nun den starcken Trost dir geben,

weil M solches Vorbild zielt auff N Christus nur allein,

dass der in dieser Noth dir soll ein Mittel sein

und ist zum Segen längst mit dem 0 Johannes kommen P

das Evangelium von Gnade Trost und Lehr!

Der ruft dir dorther zu: Mensch kehr dich hier zu her.

 

Du armer Sünder du! Denn dort auf Moses Seiten

ist Furcht, Verzweifflung, Verdammniß, Sterblichkeiten.

Auff dieser aber Freud, Trost, Leben, Gnad und Heil,

dies alles wird durch Buß und Glauben dir zu theil.

Q Hier grünes vielmehr! hier hastu Wonn und Freude,

die Freude so gehabt die R Hirten auf der Weide.

Als der Messias dort S vom Engel ward vermeldt,

geborn zu Bethlehem, der Heiland aller Weltt.

 

Den T dort um deine Sund du siehst am Oelberg sitzen

und haufenweise Blutt für Angst und Zittern schwitzen,

der gleich den Kelch bekommt und von einer Engelhand

der ihm vom Vater wird zur Stärkung zugesand.

Ja traun! hier hastu Trost, hier kanst du nicht verzagen,

hier siehstu deine Sund gebüsset und getragen.

W am Creutz von Gottes Lam. Hier ist ein Leben dir

durch X den erstandnen Christ erworben für und für.

 

Als der durch seinen Y Todt den deinen überwunden,

der ihr, der Z alten Schlang, die dich vorhiergebunden,

den Kopf zermalmet hatt. Ja, der der hellen Macht

und gantze Satans Reich hatt unter sich gebracht.

Auf diesen Schau und Bau und lass dir gar nicht grauen,

hab deine Zuversicht im Glauben und Vertrauen

auf sein so teur Verdienst, so wird dir sein bereit

und allen Gläubigen Gottes Heil und Seligkeit.

Relief "Das letzte Abendmahl"

Relief "Das letzte Abendmahl"Links unter der Orgelempore befindet sich ein Abendmahls-Holzrelief ebenfalls aus dem 16. Jahrhundert. Es stammt vermutlich aus einer größeren Bilderfolge, wie sie in Altargehäusen dieses Jahrhunderts häufig vorkamen. Die rechte Hälfte dieses Reliefs musste gründlich restauriert werden, die linke Hälfte ist noch weitgehend im ursprünglichen Zustand. Auf dieser Seite finden sich auch noch Reste einer Vergoldung.

Perspektivisch wirkt dieses Relief unproportioniert. Die Jünger im Vordergrund sind sehr groß, die Jünger im Hintergrund, auch die Jesusfigur, dagegen sehr klein.

Dieses Kunstwerk bezieht sich eindeutig auf die Abendmahlsszene aus dem Johannesevangelium. Jesus sprach: „Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Einer unter euch wird mich verraten. Da sahen sich die Jünger untereinander an, und ihnen wurde bange, von wem er wohl redete. Es war aber einer unter seinen Jüngern, den Jesus lieb hatte, der lag bei Tisch an der Brust Jesu. Dem winkte Simon Petrus, dass er fragen sollte, wer es wäre, von dem er redete.“ Und als Jesus Judas als Verräter kenntlich macht, verlässt dieser den Tisch (Johannes 13, 21-30).

In diesem Holzschnitt ist der Lieblingsjünger Johannes zu sehen, der sich an Jesus lehnt, Petrus, der ihm zuwinkt und im Vordergrund ein Einzelner, dessen Körperhaltung schon das Weggehen andeutet: Judas. Alle anderen Jünger tuscheln miteinander.

Epitaph Anna Thurneisser

Epitaph Anna ThurneisserDas andere Epitaph aus dem 16. Jahrhundert ist Anna Thurneisser gewidmet, der zweiten Frau des Druckers, Alchimisten und Arztes Leonhard Thurneisser von Thurn, der lange Zeit der Leibarzt und Protegé des Kurfürsten Johann Georg von Brandenburg war. Thurneisser galt als eine der umstrittensten Persönlichkeiten seiner Zeit, da er mit seinen ärztlichen Erfolgen, seinen alchimistischen und wissenschaftlichen Forschungen und nicht zuletzt mit seinem ausgeprägten Geschäftssinn weit über die Mark Brandenburg hinaus einen zweifelhaften Ruf genoss. 

Dieses Epitaph ist das erste Bild auf der linken Seite unserer Kirche. Die Inschrift lautet:

Anno 1575, den 12. septemb., starb die Erbar Tugentsame fraw. Anna Thurneisserin, geborene Huettlin von Constanz, Leonhart Thurneissers zum Thurn Eheliche haussfraw, welche hie begraben ligt, deren got ein fröliche auferstendnis verleicheth.

Das Werk besteht aus zwei Bildteilen. Im unteren Teil sehen wir eine Szene, die Bezug nimmt auf das persönliche Leben des Ehepaares. Thurneissen ist als Pilger dargestellt, umgeben von zeitgenössisch gekleideten Männern. Er nimmt Abschied von seiner Frau, die tot am Boden liegt, vor dem Eingang einer Höhle. Die Lebensreise als Pilgerreise darzustellen, ist ein gebräuchliches Motiv der Malerei des 16. Jahrhunderts.

Der obere Teil des Bildwerks zeigt die ganze Familie Thurneisser, nach Geschlechtern in zwei Gruppen getrennt und allesamt im Pilgergewand. Die beiden Gruppen blicken nach oben, wo sich der Himmel öffnet und Gottvater mit seinem Sohn Jesus zu sehen ist, den er auf Händen trägt. Links sehen wir die Frau mit neun Töchtern, rechts den Mann mit drei Söhnen. Die Frau, einer der Söhne und fünf der Töchter tragen rote Kreuze auf ihren Pilgerstäben, was darauf hinweist, dass sie zu diesem Zeitpunkt (1575) bereits verstorben waren. Der Baum rechts im Bild trägt einen verdorrten Ast, was wieder auf die protestantische Zweiteilung von Gesetz (der verdorrte Ast) und Gnade (der grüne Baum) hinweist.

Nach dem fälligen Neuanstrich und einer Veränderung der Anordnung der Bilder im Kirchraum diskutiert der GKR im Jahre 2004, ob das Epitaph überhaupt weiter in der Hochmeisterkirche verbleiben soll, denn es gibt eine hässliche Verbindung mit der Person Thurneissers: In dessen Druckerei wurde nach Art heutiger Sensationspresse ein sehr verbreitetes Flugblatt mit Holzschnitten hergestellt, das den Titel trug „Warhaftige Abconterfeyung oder gestalt des angesichts Leupold Juden sampt fürbildung der Execution welche an ihme seiner woluerdienten grausamen vnd vnmenschlichen thaten halben so er an dem vnschuldigen Christlichen Blut begangen den 28. Jenners 1573 zu Berlyn nach innhalt Göttliches und Kayserliches Rechten vollnzogen worden ist.1  , ein widerliches Beispiel von Judenhass und Verunglimpfung in der Zeit der Reformation. Der Hintergrund dieser öffentlichen Hinrichtung mit vorangegangener Folter war –  wie so häufig in der Geschichte von Judenverfolgung und Pogromen –  das Bestreben des Kurfürsten Johann Georg, sich billig aus den immensen Kreditverpflichtungen seines Vaters, Kurfürst Joachim II. zu befreien und einen Sündenbock zu finden. Joachim II., ein echter Renaissancefürst, hatte zu Finanzierung seiner aufwändigen Hofhaltung und regen Bautätigkeit den kurfürstlichen Münzmeister Lippold angewiesen, Edelmetalle bei Kaufleuten zu beschlagnahmen und überhöhte Schutzgelder der in der Mark ansässigen Juden einzutreiben. Er hinterließ seinem Sohn ein Loch in der Haushaltskasse von 2,5 Millionen Gulden. Das Verschwinden des Geldes und die kurfürstliche Misswirtschaft sollte dem Juden Lippold angelastet werden. Lippold wurde schließlich wegen angeblichen Giftmordes an Joachim II und wegen Zauberei hingerichtet und die Juden für hundert Jahre aus Brandenburg vertrieben

Kreuzbild 1600Soll ein Epitaph, das zwar nicht an Leonard Thurneisser selbst, aber an seine Frau erinnert,  gerade in der Hochmeisterkirche hängen, in der seit 1988 Gedenkveranstaltungen zur Reichspogromnacht am 9. November 1938 stattfinden? Nach längerer Debatte entscheidet sich der GKR für ein Verbleiben des Thurneisser-Epitaphs in der Hochmeisterkirche, denn nur, wenn wir  auch die schwarzen Seiten unserer Geschichte kennen, können wir  glaubwürdig für eine andere Welt eintreten. Im Jahr 2008 erscheint in der Hochmeisterzeitung ein Artikel, in dem über die Verbindung Thurneissers zur Alchemie berichtet wird (nachzulesen auf S. 13 der Hochmeister Zeitung 2008/04).

Kreuzbild 1600

Neben dem Epitaph der Anna Thurneisser hängt ein Kreuzigungsbild aus dem Jahre 1600. Es zeigt Jesus am Kreuz, links daneben Maria und rechts den Jünger Johannes. Dieses Bild ist ziemlich sicher katholischer Herkunft, da Maria und Johannes Heiligenscheine tragen, die in der protestantischen Kirchenkunst nicht zu finden sind. Irritierend an diesem Bilde ist, dass am Fuße des Kreuzes Gerippe und ein Totenkopf liegen. Jesus wurde auf dem Berg Golgatha gekreuzigt, und Golgatha heißt übersetzt Schädelstätte. Die Darstellung von Totengebeinen und eines Totenschädels bezieht sich auf eine alte Legende um den Berg Golgatha, derzufolge dieser Berg auf dem Grab Adams gewachsen sein soll. Die Knochen stellen also die Gebeine Adams dar und schaffen somit eine Verbindung zwischen dem Sündenfall des Menschen und dessen Erlösung durch den Kreuzestod Jesu.

 

1. Korff, Gottfried u. Rürup, Reinhard (Hrsg.): Berlin, Berlin – Die Ausstellung zur Geschichte der Stadt, Berlin, 1987. S. 76 ff.

und

Sievers, Leo: Juden in Deutschland - Die Geschichte einer 2000jährigen Tragödie, Hamburg, 1978.