Altarkreuz der Hochmeisterkirche. In der alten Sakristei im Hintergrund: Manfred Sillners »Tischtuch des Heiligen Abendmahls«Im März 1987 beschließt der Gemeindekirchenrat, ein Altarbild mit dem Thema Ostern und die Auferstehung in Auftrag zu geben. Mehrere Künstler werden gebeten, einen Entwurf einzureichen. Doch sollte dies nicht das einzige Kunstwerk in der Kirche bleiben. Es ergibt sich die Möglichkeit, einige ältere Bilder aus den Beständen des Konsistoriums restaurieren zu lassen und als Dauerleihgaben zu erhalten. Dazu kommt die Möglichkeit, zwei Skulpturen von Günter Anlauf vorerst als Leihgaben in der Kirche aufzustellen.

Nach und nach entsteht ein umfassendes Konzept und im Mai 1987 wird auf einer Gemeindeversammlung die Aktion Kunst in der Kirche ins Leben gerufen. Pfarrer Joachim Christoph, der Hauptinitiator dieser Aktion, beschreibt diese Konzeption folgendermaßen:

„Das Thema von Verfall und Neubeginn, von Vergangenheit und Zukunft, von Tod und Auferstehung bestimmt die ständig hier zu sehenden Kunstwerke und erscheint bei vielen besonderen Veranstaltungen in der Kirche. Kunst erinnert an Geschichte und ihre Tradition, das zu Bewahrende. Aus der alten Altarplatte hat Günter Anlauf vier Tafeln geschlagen. Außen vor der Kirche ist in die beiden Steintafeln links vom Eingangsportal das urchristliche Bekenntnis zu Tod, Auferstehung und Himmelfahrt Jesu Christi eingemeißelt. Auf der anderen Seite des Portals hängt die Hochmeistertafel: Die Gemeinde als Erbe der lutherischen Reformation. An jene Zeit erinnern auch die Bilder aus dem 16. Jahrhundert, während die Gemälde von Rode aus der Zeit der Berliner Aufklärung stammen. Auf allen Bildern sind Bezüge zu Tod und Auferstehung zu entdecken. Die vierte Steintafel Anlaufs bezeugt als Grabplatte vor der Kirche die Verstrickung der Gemeinde in ihre jüngere Geschichte. Sie spricht die Reichspogromnacht 1938 an. Erinnern, nicht vergessen ist das Motto, unter dem die Gemeinde Geschichtsbewusstsein mit Hilfe der Kunst zu bewahren und zu entwickeln sucht.

Rode: Die Jungfrauen (Detail) - Foto K. NeujausGegenwärtige Kunst kann Sehnsucht, Hoffnung, Vision und Zuversicht aussprechen, wenn es um Zukunft von Kirche und Welt geht. Das zentrale Bild des Gottesdienstraumes ist Dominique Rebourgeons Ostern und die Auferstehung der Toten - Der Ort und die Zeit, ein macht- und geheimnisvolles Gemälde, das stets neu betrachtet und verstanden werden mag. Anlaufs Skulpturen Zwei in einem Boot und Bürger wohin? können nach der Gestalt von Kirche heute fragen: nach Gemeinschaft und Einzelnen, nach Harmonie und Zweifel, nach Bewahren und Verändern, nach Nächstenliebe und öffentlicher Verantwortung. Auf dem Altar aus Zedernholz von Werner Henne stehen der Gekreuzigte und die sieben Leuchter aus dem letzten Buch der Bibel, der Offenbarung. Im anschließenden Meditationsraum erinnert Manfred Sillners Tischtuch vom Heiligen Abendmahl des Leonardo da Vinci an das große Festmahl aller Völker mit Gott am Ende der Zeit. Wie wird es aussehen?

Kunst findet sich nicht mit Wirklichkeit ab. Sie bemüht sich, Welt schöpferisch zu gestalten. Sie fordert zu neuem Erlebnis, Verständnis und Verhalten heraus. Sie bringt nicht die Erlösung, aber sie sucht nach Befreiung aus den Zwängen des Vorhandenen. Kunst kann eine ihr eigene Kraft entfalten - gegen Vergessen und gegen Resignation.“1

Erinnern - Nicht vergessen. Gedenkstein vor der Hochmeisterkirche zur Erinnerung an die Reichpogromnacht von 1938.

1 Joachim Christoph: Kunst in der Kirche (Manuskript), Archiv Hochmeisterkirche