Mehr als sechs Jahrhunderte lang ist Wilmersdorf ein kleines, abgelegenes Dörfchen in der Mark. Die erste urkundliche Erwähnung eines Ritters von Wilmersdorf stammt aus dem Jahr 1155. Wilmersdorf als Ort taucht zum ersten Mal im Jahre 1293 in einer markgräflichen Urkunde auf. Und im Jahre 1480 findet sich im Schlossregister des Kurfürstlichen Amts Mühlendorf die Familie Wilmersdorff als einziger Lehnsherr des gleichnamigen Ortes.

Noch im Jahre 1800 hatte Wilmersdorf ganze 200 Einwohner. 1802 stirbt Leopold Heinrich, der letzte aus dem Geschlecht derer von Wilmersdorf. Und 1840 ist die Einwohnerzahl erst auf 626 angestiegen. Es fällt uns heutzutage nicht leicht, uns vorzustellen, dass Wilmersdorf noch in der Mitte des 19. Jahrhunderts ein abgelegenes, idyllisches Dörfchen ist, weit weg von der bereits stark wachsenden Stadt Berlin.

Das Stadtgebiet von Berlin beschränkt sich zu dieser Zeit noch weitgehend auf den Bereich des heutigen Berlin-Mitte. Die umliegenden Dörfer bleiben von Berlins Wachstum zunächst noch unberührt. Der Heimschriftsteller Bertold Auerbach schreibt im Jahre 1863 über seinen Besuch in Wilmersdorf:

„Gestern war ich nach so langer Zeit wieder einmal in einem Dorfe. Der Frühling ist schön, und ich muss Lerchen hören, und die singen auch über dem Sandboden, in dem sich's freilich schwer geht. Ich war in Wilmersdorf, einem Taglöhner-Orte in meiner Nachbarschaft. Der Weg durch die Saaten tat mir gar wohl, ich saß eine Stunde lang unter einem Weidenbaum am Wegraine, und das war eine glückliche Stunde, ich konnte doch auch endlich wieder einmal in die Unendlichkeit hineinträumen. Im Dorfe hörte ich doch auch wieder einmal ein lebendiges Huhn gackern, sah lebendige Gänse und Schweine - man vergißt in Berlin ganz, dass derartiges auch lebt, man sieht es immer nur gebraten. Man sollte nicht spotten über die übertriebene Naturbegeisterung der Berliner, wenn sie hinauskommen: Wenn man in dieser künstlich gemachten Stadt lebt, erscheint alle Natur, das Alltäglichste wie ein Wunder.“ [1]

Ende des 19. Jahrhunderts, der heute so benannten Gründerzeit, in der sich Industrialisierung und Verstädterung mit ungeheurer Geschwindigkeit ausbreiten, verändern sich auch in Wilmersdorf fast schlagartig die Verhältnisse. Im Jahre 1906 erhält Deutsch-Wilmersdorf die Stadtrechte. Ein nacherzählter Bericht von einer Wilmersdorfer Ratssitzung aus dem Jahre 1911 zeigt die veränderte Situation recht deutlich:

„Im Sitzungssaal des alten Rathauses an der Brandenburgischen Strasse ging eine lange Debatte zu Ende. Seit Stunden saßen die Stadtväter bereits an den großen Tischen, die einst ein Wilmersdorfer Tischlermeister aus den alten Ulmen der Wilhelmsaue angefertigt hatte.

‚Vergessen Sie nicht, meine Herren‘, nahm ein Baurat das Wort, ‚dass wir seit zwei Jahren eine Großstadt sind. Vor 30 Jahren hatte Wilmersdorf knapp 3000 Einwohner, vor 15 Jahren 15000. Und jetzt - 1911 - schon ungefähr 110000!’

‚Es gibt wohl keine Stadt in Deutschland‘, meinte ein Beisitzer, ‚die sich mit diesem außergewöhnlichen Wachstum vergleichen kann.‘ ‚Sehr richtig‘, war die Antwort des Baurats, ‚aber es ist schwer, da mitzukommen. Alles soll angelegt sein, Beleuchtung, Wasser, Schulen, Straßen‘. Er suchte unter seinen Notizen. ‚Ich habe in jungen Jahren andere Zeiten erlebt. Wenn man damals Besuch aus Berlin hatte und ihn abends zur Elefantendroschke bringen wollte - da blieb gar nichts anderes übrig, als eine Laterne mitzunehmen, weil die Straßen zu dunkel waren.‘ Er lachte. ‚Das will natürlich heute niemand mehr. 1891 wurden die 128 Petroleumlampen durch über 300 Gaslaternen ersetzt. Eine strahlende, feenhafte Beleuchtung - so kam es uns vor -, ungewohnt zunächst auch für die Laternenanzünder, die mit ihren langen Stangen jeden Abend die Lampen in Gang bringen und sie in den frühen Morgenstunden wieder zudrehen. Und jetzt haben wir über 4000 Leuchten, darunter 200 elektrische Bogenlampen!‘ “ [2]

Nach dem Ende des 1. Weltkriegs (1914 - 1918) wird Berlin zur Hauptstadt der Weimarer Republik. Die Großstadt Wilmersdorf, die Landgemeinden Schmargendorf und Grunewald sowie der Forst Grunewald werden am 27.4.1920 zum 9. Verwaltungsbezirk der neuen Stadtgemeinde Groß-Berlin zusammengefasst.

 

1.    Berthold Auerbachs Brief von 1863 in: Karl-Heinz Metzger (Hg.) Wilmersdorf im Spiegel literarischer Texte, Berlin 1985, S. 19.
2.    Paul Wollschläger: Wilmersdorf in alter und neuer Zeit, Berlin 1968, S. 110 f.