Veröffentlicht am Di., 1. Mär. 2022 00:00 Uhr

Hört nicht auf, zu beten und zu flehen! Betet jederzeit im Geist; seid wachsam, harrt aus und bittet für alle Heiligen. (Epheser 6,18)

Die Herstellung der Hochmeisterzeitung hat einen längeren Vorlauf und deshalb ist, während ich diesen Text schreibe, Weihnachten gerade erst vorbei. Die Krippe und die Engel stehen noch im Wohnzimmer und mein E-Mail-Papierkorb ist noch voll mit den unzähligen Adventsmails: Kauf noch schnell dies, bestelle doch noch das, es gibt 20% auf alles, nur noch bis Mitternacht, garantiert bis zum 24.12. geliefert. Weihnachten als Fest der Liebe oder des Wünschens, Wunscherfüllung als Zeichen der Liebe?

Manche Menschen verstehen es auch außerhalb der Weihnachtszeit so: Beten als Vorlesen eines Wunschzettels, Gott als Wunscherfüllungsmaschine. Oh Lord, won’t you buy me a Mercedes Benz? sang Janis Joplin ironisch schon in der Zeit von Hippies und Flower-Power (die Jüngeren sollten sich den Song und überhaupt ihre Lieder mal auf Youtube anhören). Und wenn es nicht klappt mit der pünktlichen Lieferung, ist das dann ein Zeichen, dass es eben doch keinen liebenden Gott gibt? Prove that you love me and buy the next round. heißt es bei Janis Joplin. Beweise, dass du mich liebst, und bezahl die nächste Runde.

Zu wem kann man eigentlich beten? Nur zu Gott kann man beten. Gott und beten, die beiden gehören untrennbar zusammen. Flehen, bitten, sogar anbeten, das kann man auch an andere richten – beten nicht.

Das bekannteste Gebet über das Christentum hinaus ist sicher das Vaterunser. Es erklingt fast in jedem Gottesdienst, manche beten es auch still für sich, zum Beispiel als Morgen- oder Abendgebet. Auch Menschen, die selten in einen Gottesdienst gehen, kennen es.

So sollen wir beten, hat Jesus gesagt. Nicht angeberisch vor allen Leuten und nicht mit ausgeklügelten Formulierungen, sondern einfach und mit seinen schlichten Worten.

Diese Worte zeigen uns, dass wir Gott als jemanden ansprechen dürfen, der zur Familie gehört, zu dem wir „du“ sagen. Jemand, zu dem wir Vertrauen haben und den wir respektieren. Jemand, von dem wir uns wünschen, dass er den Ton angibt und dass nur das geschieht, was in seinem Sinne ist.

Weil Gott uns so nahe ist, dürfen wir ihn natürlich auch um etwas bitten. Nicht um einen Mercedes Benz oder einen neuen Farbfernseher, aber um das, was wir wirklich zum Leben brauchen. Wir bitten ihn im Vaterunser auch um Vergebung, darum, dass er uns unsere Fehler nicht nachträgt und uns vom Bösen befreit.

So sollen wir beten und damit nicht aufhören: Beten, wenn es uns schlecht geht und wenn wir Hilfe brauchen. Wie diese Hilfe aber aussieht, das sollten wir Gott überlassen. Oftmals ist die Lösung ganz anders, als wir dachten. Wir dürfen aber immer mit Hoffnung beten.

Und noch eins: Der Verfasser des Epheserbriefs fordert uns auf, für andere zu beten, für alle Heiligen. Damit sind nicht der Heilige Nikolaus und nicht die Heilige Barbara gemeint (die gab es im ersten Jahrhundert, als der Epheserbrief entstand, noch gar nicht), sondern es sind unsere Glaubensgeschwister und die, die uns nahe sind und deren Nöte und Ängste wir Gott ans Herz legen sollen.

Im Gottesdienst sind die Fürbitten ein wichtiger Bestandteil. Noch vor dem Vaterunser beten wir laut und in der Stille für alle, die in Not sind, auch für Menschen, die uns nicht nahestehen. Selbst unsere Feinde sind nach Jesu Auftrag in die Fürbitten eingeschlossen.

Die Fürbitten im Gottesdienst werden mit einem Dank an Gott eingeleitet. Es geht beim Beten ja nicht um die besagte Wunschliste. Heinrich Bedford-Strohm, evangelischer Landesbischof in Bayern und bis Ende letzten Jahres Ratsvorsitzender der EKD, hat einmal gesagt: Regelmäßig zu beten kann helfen, eine zuversichtliche und dankbare Haltung zum Leben einzunehmen.

Ja, beten tut gut und es kann heilen. Mit Gott zu sprechen, bringt Ruhe. Wir breiten unser Leben, unsere Sorgen, unsere Anliegen, unsere Sehnsüchte vor Gott aus.

Und das muss gar nicht unbedingt mit Worten geschehen:

Beten heißt nicht, sich selbst reden hören.
Beten heißt:
still werden und still sein und warten, bis der Betende Gott hört.
(Sören Kierkegaard zugeschrieben)


Astrid Witten

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