Veröffentlicht am Mi., 9. Feb. 2022 10:32 Uhr

Eine Orgel zieht um

Wie eine unerwartete Schönheit sichtbar wird 

Viele Jahre hat sie treue Dienste in den Gottesdiensten der Jona-Gemeinde geleistet: Die kleine Orgel aus der Berliner Orgelbauwerkstatt Schuke. 1968 gebaut und 1972 im Kirchsaal aufgestellt, erfüllte sie seitdem den Raum mit Klang. Zum 1. Januar 2016 fusionierten die Jona-Gemeinde und die Hochmeister-Gemeinde und die Gottesdienste finden nun in der Hochmeister-Kirche statt. Die Orgel im Jona-Kirchsaal erklang danach nur noch selten und schließlich verstummte sie für lange Zeit. Der Verein Masorti, der seit einigen Jahren eine jüdische Grundschule in dem Gebäude in der Roscherstraße betreibt, hatte ebenso wie unsere Gemeinde keine Verwendung mehr für das Instrument.

Da eine dauerhaft schweigende Orgel eine traurige Sache ist, beschloss der Gemeindekirchenrat, sie zu verkaufen, damit sie an einem anderen Ort Menschen erfreuen kann.  Allerdings erschien es zunächst gar nicht so einfach, Interessenten zu finden, bis im Frühjahr des letzten Jahres eine tolle Entwicklung begann.

In Eichholz, im Kirchenkreis Zerbst, gibt es in einer sehr lebendigen, kreativen Gemeinde eine kleine, frisch und sehr schön restaurierte Kirche, in der eine Orgel fehlte.

Der dortige Kreiskirchenmusikwart Tobias Eger und Pfarrer Albrecht Lindemann erfuhren durch mehrere glückliche Fügungen und Begegnungen von der zum Verkauf stehenden Jona-Orgel.

Bei ihrem Besuch in Berlin zum Besichtigen und Ausprobieren waren zufällig Kinder der Grundschule anwesend und Tobias Eger improvisierte nicht nur Choräle sondern auch Kinderlieder. Begeisterte Stimmung fand zusammen mit der sehr schnellen Klarheit, dass diese Orgel für die Eichholzer Kirche genau die richtige ist. Wir waren uns einig.

Ebenso schnell lernten wir dann gemeinsam, dass das Umsetzen und Reinigen einer Orgel plus genaues Anpassen des Klangs an den neuen Raum eine teure Angelegenheit ist, auch bei einem so entgegenkommenden Angebot, wie wir es vom angefragten Orgelbauer bekamen.

Das Umsetzen der Orgel und dann noch zusätzliche Kosten für das Instrument hätte sich die Gemeinde nicht leisten können.

Fast ebenso schnell entschied sich deshalb der Gemeindekirchenrat mit der Eichholzer Gemeinde zu einer Vereinbarung: „Ihr bezahlt die Umsetzung, wir schenken Euch die Orgel.“  Wir fanden, dass das ein gutes Zeichen im „Jahr der Orgel“ war.

Am 1. Advent erklang die Jona-Orgel zum ersten Mal in der Eichholzer Kirche.

Aber es war nicht mehr die Jona-Orgel.

In der Roscherstraße stand sie auf der Empore, und fast niemand konnte sie sehen. Ziemlich unscheinbar war sie dort. Vor dem Verschenken wurde sie als „robust und zuverlässig“ bezeichnet.

An ihrem neuen Ort sieht sie verwandelt und unglaublich schön aus. Jörg Stegmüller hat ihr neuen, leuchtenden Glanz und Klang verliehen, den ich mir nicht hätte vorstellen können. Und alle, die es wollen, können sie nun sehen. Sie ist zu einer ganz unerwarteten Schönheit geworden.

Ich schreibe diesen Artikel am Anfang des neuen Jahres 2022. Im Lauf dieses Jahres werden wir aus dem Gemeindekirchenrat nach Eichholz fahren und „unsere“ Orgel in ihrer neuen Heimat besuchen. Vielleicht haben Sie Lust, dies auch zu tun, bei einem Ausflug. 

Ganz sicher nehme ich mir für das neue Jahr vor, einen wachen Blick zu haben für die Schönheiten, die nicht auf den ersten Blick zu entdecken sind. 

Cornelia Benus-Dreyer

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