Veröffentlicht am Do., 30. Sep. 2021 13:53 Uhr

Die Leitung der Landeskirche entschuldigt sich bei Homosexuellen

Der Charlottenburger Pfarrersohn wäre gerne in die Fußstapfen seines Vaters getreten. Aber nachdem er 1979 das Abitur abgelegt hatte, studierte er Jura, statt Theologie. Denn ihm war bewusst geworden, er würde nie mit einem Mann, den er liebt, im Pfarrhaus zusammenwohnen dürfen. Und ein höheres Kirchenamt wäre ihm ohnehin verschlossen geblieben. Als Jurist hat der Pfarrersohn Karriere gemacht. Und er heiratete seinen Mann, nachdem der Bundestag 2017 die „Ehe für alle“ ermöglicht hatte. Ende gut, alles gut?

Die Kirchen haben geschwiegen, als homosexuelle Männer von den Nazis ins KZ geworfen und in der Ära Adenauer ins Gefängnis gesteckt wurden. Auch nach der Entkriminalisierung der männlichen Homosexualität wurde Theologiestudenten, die auf das Zusammensein mit einem geliebten Mann nicht verzichten wollten, der Zugang zum Pfarramt verwehrt. Und offen schwule Pfarrer wurden mit dem Rausschmiss bedroht. Die Diskriminierung von Lesben geschah etwas subtiler.

Die Leitung unserer Landeskirche hat sich kürzlich zur Schuld der Kirche bekannt. Wir veröffentlichen die Erklärung in Auszügen:

Als Kirchenleitung der Evangelischen Kirche Berlin-Brandenburg-schlesische Oberlausitz bitten wir vor Gott und den Menschen um Vergebung dafür, dass in unserer Kirche Menschen, die als homosexuell bezeichnet wurden, ausgegrenzt und diskriminiert worden sind. Wir benennen mit dieser Erklärung öffentlich, dass Entscheidungen Irrtümer waren und Verletzungen und Verwundungen bewirkten.

Entscheidungen von Gremien und einzelnen Verantwortlichen in unserer Kirche sind im Jahr 2020 unter dem Leitwort der „Homosexualität“ erstmals dokumentiert worden…Die mit der Studie längst nicht abgeschlossene historische Erforschung zeigt ein zwar noch lückenhaftes, gleichwohl deutliches Bild: Obwohl es auch ein Ringen um theologische Klarheit und um die Aufhebung von Ungleichbehandlung gab, haben in den Kirchenleitungen der vergangenen Jahrzehnte Verantwortliche Diskriminierung an queeren Menschen geschehen lassen, vor allem aber ausgeübt. Queere Menschen wurden mit Befragungen konfrontiert, erlitten Kündigungen und die Entfernung aus dem Dienst. Gemeindeglieder, die in gleichgeschlechtlichen Liebesbeziehungen lebten, mussten schmerzlich erfahren, dass ihnen Respekt und Anerkennung verweigert wurden. Kirchenleitende Haltungen gegenüber queeren Menschen waren häufig geprägt von der Forderung nach einem „zölibatären“ Leben, eines „asketischen Umgangs“, „Enthaltsamkeit“, „Dezenz“ oder „Schweigegeboten“. Diese stellte und stellt in ihren Folgen einen massiven Eingriff in das persönliche Leben von Menschen dar, die in den kirchlichen Dienst eintreten wollten oder darin tätig waren. Bis vor einem Jahrzehnt war Ordinierten, die in gleichgeschlechtlichen Partnerschaften lebten und leben, das gemeinsame Wohnen im Pfarrhaus untersagt. Wir sind erschüttert über das damit verbundene Maß an Tabuisierungen und Zumutungen. Mit tiefem Respekt erkennen wir, welches Durchhaltevermögen dazu gehörte, als geoutete Pfarrperson in dieser Kirche zu arbeiten, nicht selten dazu gedrängt, gegenüber kirchenleitenden Personen sich wiederholt zu ihrer Lebensweise zu erklären.

So haben queere Menschen in der evangelischen Kirche Diskriminierung erlebt. Sie wurden stigmatisiert und ausgeschlossen. Dies wurde durch eine Theologie befördert, die queeren Menschen eine Gottebenbildlichkeit absprach oder diese in Frage stellte…

Wir haben lange gebraucht zu erkennen, dass Menschen durch kirchenleitendes Urteilen und Handeln zu Unrecht Leid zugefügt wurde. Wir sind beschämt angesichts unserer kirchlichen Geschichte des Demütigens. Wir tragen als geschwisterliche Gemeinschaft Verantwortung für das Gestern und wissen doch, dass Unrecht nicht Vergangenheit ist.

Trotz dieser Erfahrungen, trotz Ausgrenzung, trotz mangelnder Akzeptanz und Anerkennung blieben Menschen, die gleichgeschlechtlich liebten und lieben, ihren Gemeinden,ihrer Kirche treu und verbunden. Diese Verbundenheit im Schmerz erfüllt uns mit großem Respekt. Als Kirchenleitung sind wir heute dankbar für dieses außergewöhnliche Zeugnis der Courage und Beharrlichkeit sowie des Glaubens. Daraus ist ein hoch wirkungsvolles, praktisches Engagement in queeren Initiativen, Netzwerken und Konventen auf allen Ebenen dieser Kirche in Ost und West gewachsen, das wir heute würdigen und für die wir dankbar sind…Der jahrelange engagierte und mutige Kampf ermöglicht unsere heutige Haltung, gegenwärtiges Entscheiden und Leiten…

Wir erklären nachdrücklich und laut: Wir stehen als Kirchenleitung gemeinsam für eine Kirche der Vielfalt. Wir glauben, dass sie Gottes Wille entspringt.

 Jürgen Wandel

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