Veröffentlicht am Mi., 2. Jun. 2021 14:15 Uhr

Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen. (Apg 5,29)

München, 22. Februar 1943: Die Geschwister Hans und Sophie Scholl sowie ihr Kommilitone Christoph Probst werden aufgrund ihrer Aktionen im Rahmen der Widerstandsgruppe „Die weiße Rose“ zum Tode verurteilt und am selben Tag hingerichtet. Fast 80 Jahre später blicken wir voller Ehrfurcht und Hochachtung auf diese jungen Menschen, die inmitten der Barbarei mutig das Richtige taten. Die Gruppe war zutiefst christlich geprägt. Zwei Tage vor ihrem Tod gibt Sophie Scholl in der Vernehmung zu Protokoll, dass sie gemeinsam zu der Erkenntnis gekommen seien, „dass der christliche Mensch Gott mehr als dem Staat verantwortlich sei.“

Ost-Berlin, 9. März 1972: Unerhörtes geschieht in der Volkskammer der DDR. Auf die Frage nach Nein-Stimmen heben 14 Abgeordnete der ansonsten völlig systemkonformen Ost-CDU ihre Hände, weitere acht enthalten sich. Abgestimmt wurde über eine weitreichende Liberalisierung des bis dahin sehr strikten Abtreibungsrechts. Es war das erste Mal in der Geschichte der DDR, dass es in ihrem Parlament Gegenstimmen gab, und es sollte bis zur Friedlichen Revolution 1989 das einzige Mal bleiben. Mit gemischten Gefühlen blicken wir auf dieses Ereignis. Bemerkenswert ist in jedem Fall, dass ausgerechnet eine christlich motivierte Entscheidung in diesem atheistischen Staat zu einem solch „unsozialistischen“ Abstimmungsverhalten führte.

Bad Hersfeld, 20.12.2002: Nachdem sich ein christlich-fundamentalistisches Ehepaar  geweigert hat, einem richterlichen Beschluss nachzukommen und seinen Kindern den Besuch einer anerkannten Schule zu ermöglichen, entzieht das zuständige Amtsgericht dem Ehepaar das Aufenthaltsbestimmungsrecht und das Recht zur Vertretung in schulischen Angelegenheiten für die beiden Kinder. Die Lehre der Evolutionstheorie, der Sexualkundeunterricht und der Zwang zur Teilnahme an „Götzendiensten“ (damit waren z.B. Adventsfeiern oder St.-Martins-Umzüge gemeint) waren nur einige der hanebüchenen Begründungen, mit denen die Eltern rechtfertigten, ihre Kinder der Schulpflicht zu entziehen.

Drei Begebenheiten, in sehr verschiedenen historischen und sozialen Umfeldern. Drei Handlungsweisen, die die meisten von uns wohl sehr unterschiedlich bewerten. Gemeinsam ist den handelnden Personen, dass sie sich aus religiöser Überzeugung gegen die Regeln und Erwartungen ihrer jeweiligen Gesellschaft stellten. Wahrscheinlich war allen der Satz des Petrus bekannt, der im Juni 2021 Monatsspruch ist.

Jerusalem, ca. 40 n. Chr.: Petrus und die anderen Apostel müssen sich vor dem hohen Rat verantworten. Sie sind aus dem Gefängnis entkommen, in das sie gesperrt worden waren, weil sie nicht aufhörten, von ihrem hingerichteten und nach eigenen Angaben wiederauferstandenen Anführer Jesus zu predigen.  Und anstatt sich nun wenigstens zurückzuziehen und sich zu verstecken, sind sie direkt aus dem Gefängnis in den Tempel gelaufen und haben ihr Werk fortgesetzt. Seine Rechtfertigung für ihr Verhalten fasst Petrus mit dem Satz zusammen: „Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen.“

Damals wie heute ist diese Aussage Selbstverständlichkeit und Zumutung zugleich. Denn selbstverständlich gilt einem gläubigen Menschen Gottes Wille mehr als jedes irdische Gesetz. Selbst nicht-religiösen Menschen sollte einleuchten, dass die Idee eines Schöpfergottes ohne diese Prämisse nicht denkbar ist. Auf der anderen Seite galt damals wie heute, dass ein friedliches Gemeinwesen Regeln des Zusammenlebens braucht, die eine breite gesellschaftliche Akzeptanz haben – unabhängig von religiösen Überzeugungen. Auch die Konflikte, die sich aus bestimmten Auslegungen des Islams ergeben, haben die Notwendigkeit eines bekenntnisfreien gesellschaftlichen Grundkonsens verdeutlicht.

Die Überzeugungsfestigkeit religiöser Menschen ließ Diktatoren und Tyrannen zu allen Zeiten zittern – aber eben auch die Kämpfer für offene und tolerante Gesellschaften. Der Widerspruch aus Selbstverständlichkeit und Zumutung kann wohl nicht aufgelöst werden. Das Reflektieren darüber löst in mir allerdings Dankbarkeit aus – Dankbarkeit dafür, dass ich in einem Land leben darf, dessen Grundsätze in größtmöglicher Übereinstimmung mit denen meines Glaubens sind.

Timo Wolff

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