Veröffentlicht am Do., 3. Jun. 2021 13:41 Uhr

Neue Gedenkkultur

Ein älteres, amerikanisches Ehepaar aus der weltweiten Coventry-Nagelkreuzgemeinschaft kam 2004 zu uns nach Pankow. Der Alten Pfarrkirche dort in Ostberlin war nämlich schon 1962, ein Jahr nach dem Mauerbau, das Nagelkreuz von Coventry als Zeichen der Versöhnung in der damaligen Welt des Kalten Krieges verliehen worden. Darum dieser Besuch an einem historischen Ort.

Der Mann aus Denver/Colorado hatte zuvor an den Jubiläumsfeierlichkeiten in der Normandie teilgenommen, wo die alliierten Streitkräfte den Hitlerschen „Atlantik-Wall“ am 6. Juni 1944, dem „D-day“, überwunden und damit dem 2. Weltkrieg nach „Stalingrad“ (1942/43) eine weitere, entscheidende Wende gegeben hatten. Der Ehemann hatte als junger Soldat daran teilgenommen. Ich nahm das Paar mit, um im nahen sowjetischen Ehrenmal in Schönholz vor der zentralen Skulptur der „Mutter Heimat“, vor der ihr toter Sohn liegt, eine kurze Gedenkandacht zu halten.

Was mich völlig überraschte: für das Ehepaar brach spürbar ein innerlich feststehendes Geschichtsbild zusammen, in dem im einstigen Kampf gegen Hitler die Sowjetunion mit ihren 24 Millionen Opfern einfach nicht vorkam. Die beiden Eheleute waren geradezu erschüttert, als ich ihnen davon erzählte, dann auch davon, dass in diesem Ehrenmal über 13 000 sowjetische Soldaten und Offiziere beigesetzt worden waren, die im Kampf um Berlin ihr Leben gelassen hatten und dass Teile dieses Monuments aus Gesteinsteilen der Hitlerschen Reichskanzlei stammten. Die Anlage war von 1947 bis 1949 gebaut worden. Auch folgte Ehepaar Jesse aufmerksam meiner Interpretation der Mutter-Sohn-Skulptur, die bewusst oder unbewusst in der damaligen Stalin-Zeit den sowjetischen Atheismus mit dieser deutlichen Erinnerung an die vielen christlichen Darstellungen der Pietà durchbrochen hatte.

Ich bin furchtbar traurig, dass kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges der „Kalte Krieg“ begonnen hatte und, je nach Standort „im Westen“ oder „im Osten“, Geschichtsbilder vermittelt wurden, die jeweils für sich den Sieg über Hitler-Deutschland beanspruchten und dass bis hin in die jeweiligen Gedenkfeiern ein schiefes und ungerechtes Bild der Leistungen aller Seiten vermittelt worden war, das bis heute nachwirkt.

Es wäre aller Mühen wert, wenn endlich ein ausgewogenes Bild erstellt und die Verdienste und Versäumnisse aller Seiten benannt würden. Dann verlören die Gedenkfeiern auf beiden Seiten jedes falsche Pathos, und es könnte deutlich werden, welche schrecklichen Opfer wegen einer menschenverachtenden Ideologie erbracht werden mussten. Wie schön wäre es, wenn je nach Ort der Gedenkfeiern kurz auch an die Opfer und Verdienste der anderen Beteiligten im 2. Weltkrieg erinnert würde.

Werner Krätschell


Die Nagelkreuz-Gemeinschaft: Gelebte Versöhnung

Im November 1940 wurde von der deutschen Luftwaffe die Stadt Coventry und ihre mittelalterliche Kathedrale in Schutt und Asche gelegt. Drei noch handgeschmiedete Nägel vom herabgestürzten Dachstuhl wurde zu einem Kreuz zusammengelegt. Dieses „Nagelkreuz“ sollte nach den Worten des damaligen Propstes der Kathedrale zu einem Symbol der Versöhnung nach dem Ende des 2. Weltkrieges werden. Solche Kreuze wurden dann an Orte und deren Kirchen verschickt, die zu politischen Brennpunkten von Spannungen geworden waren: von Berlin bis Nazareth, von Kuba bis Hong Kong. Daraus erwuchs dann die weltweite „Nagelkreuzgemeinschaft“, die den Geist der Versöhnung ausstrahlen soll.


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