Veröffentlicht am Mi., 3. Jun. 2020 17:15 Uhr

Der Engel des HERRN rührte Elia an und sprach: Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir. 1.Könige 19,7

Es ist kurz nach Ostern. Ich sitze an meinem Schreibtisch und denke über den Monatsspruch nach. „Du hast einen weiten Weg vor dir.“ In diesem Jahr ist es für uns alle ein weiter Weg, von Ostern bis Juli, von jetzt bis zu den Sommerferien.

Gerade hat es eine vorsichtige Lockerung der Corona-Maßnahmen gegeben, Spielplätze öffnen wieder, in Kürze sind vielleicht auch Gottesdienste möglich. Wer weiß, ob das der richtige Weg sein wird? Finanzhilfen in nie gekannter Höhe müssen beschlossen werden, wer sorgt für eine gerechte Verteilung? Wird Europa den Druck aushalten? Arme Länder brauchen unsere Hilfe, in Berlin werden 47 Kinder aus den Lagern von Samos, Chios und Lesbos aufgenommen, muss der Weg nicht noch weitergehen?

Oder naheliegender: Wie lange wird die Belastung für Krankenpfleger, Ärztinnen, für unser Gesundheitssystem noch zu tragen sein? Wie lange halten Eltern mit kleinen Kindern es noch im Homeoffice aus? Wie lange können die Einsamen, diejenigen, die kaum noch physische Kontakte haben, noch weiterleben? Wie können die kleinen Läden, die Kulturschaffenden mit der Krise fertig werden? Wie kann man erreichen, dass die Menschen nicht leichtsinnig sind?

So viele Fragen. Manch einer möchte sich da wie Elia unter einem Ginsterstrauch zusammenrollen und in einen tiefen Schlaf der Erschöpfung fallen. Wer je das Elia-Oratorium von Felix Mendelssohn gehört hat, wird die seufzend absteigenden Töne seiner Arie noch im Ohr haben: „Es ist genug. So nimm nun, o Herr, meine Seele!“

Nein, es ist noch nicht genug! Gottes Bote lässt keine Ruhe. So steh doch auf, du musst noch weiter! Deine Arbeit ist noch nicht zu Ende. Vierzig Tage und vierzig Nächte sollst du noch gehen.

Vierzig – die Symbolzahl der Prüfung und Bewährung, 40 Tage dauert die Sintflut, 40 Jahre wandert das Volk Israel durch die Wüste.

Aber der Engel, der Gottesbote, treibt nicht nur an, er bringt auch Stärkung, geröstetes Brot und Wasser. Handfeste Stärkung. Und er berührt Elia, zweimal.

Das wird reichen zum Aufbrechen. Etwas im Magen, ausgeruht und vor allem mit einem Auftrag versehen. Gott hat sich nicht abgewendet von Elia, sondern er traut ihm noch viel zu. Am Gottesberg Horeb wird Gott ihm sogar noch mehr von sich zeigen. Das gibt Kraft, das gibt ein Ziel.

Das mit dem Zutrauen gefällt mir im Moment besonders gut, gehöre ich doch zu der Altersgruppe, die man zurzeit am liebsten in Watte packen und ganz sicher verwahren möchte. Da machen mir die Geschichten der Bibel neuen Mut, in denen Gott auch noch auf die Müden wie Elia zählt, für die Hochbetagten wie Sarah und Abraham eine große Aufgabe hat und mit einem Stotterer wie Mose rechnet.

Und Gott gibt nicht nur Aufgaben, er gibt auch Stärkung und Hilfe auf dem Weg und am Ende darf man ihn – wenn nicht sehen, so doch spüren. Ganz leise, ganz zärtlich, ganz Trost.

Hoffnung und neuer Mut, Gottes Kraft, lässt uns aufstehen und weitermachen.

Um diese Kraft, diese geistige Nahrung geht es, wenn wir im Vaterunser „Unser tägliches Brot gib uns heute“ beten. Der Beistand Gottes, das ist unser himmlisches Brot. Von diesem Manna, das jeden Tag neu erbeten werden will, singen auch die Engel bei Mendelssohn dem Elia mit alten Psalmworten:

Hebe deine Augen auf zu den Bergen, von welchen dir Hilfe kommt. Der Herr wird deinen Fuß nicht gleiten lassen, und der dich behütet, schläft nicht. Wenn du mitten in Angst wandelst, so erquickt er dich.

So wollen auch wir uns auffordern, ermuntern, stärken und erquicken lassen für den weiten Weg, der vor uns liegt.

Astrid Witten

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