Veröffentlicht am Mi., 3. Jun. 2020 12:30 Uhr

Schwarze und rote Gesangbücher

Distanz in der Kirche: vertraut und verstörend zugleich

Nach meiner Konfirmation 1967 besuchte ich regelmäßig (und allein: meine Mutter

Gottesdienst Hochmeisterkirche in der Coronazeit

war tot, mein Vater kein Kirchgänger und mein bester Freund ein Langschläfer) den Gottesdienst in der Stadtkirche von Tuttlingen, meiner südwürttembergischen Heimatstadt. Abstand halten in der Kirche, war keine Anordnung der Kirchenleitung oder gar der Landesregierung, sondern einfach üblich:

Zu Beginn des Gottesdienstes kam der Pfarrer aus der Sakristei, und nach dem Segen verschwand er dort wieder. Wenn Kirchengemeinderäte anwesend waren, reihten sie sich unter die anderen Besucher ein. Denn im Gottesdienst hatten sie keine Aufgabe. Eine Begrüßung und Verabschiedung der Kirchgänger war nicht üblich. Und der Pfarrer hielt die beiden Schriftlesungen, verlas die Abkündigungen, sprach Eingangsgebet und Fürbitten. Der hauptamtliche „Mesner“, wie in Baden-Württemberg der Kirchwart oder Küster heißt, steckte die Lieder auf und zündete die beiden Altarkerzen an. Er drückte die Knöpfe der Glocken, half dem Pfarrer (Frauen amtierten in Tuttlingen noch nicht) in den Talar und ordnete das Beffchen. Und die Kollekte, es gab nur eine, steckten die Gottesdienstbesucher beim Verlassen der Kirche in den Opferstock.

In einem Holzkasten am Haupteingang der Kirche lagen ein paar Gesangbücher mit hellrotem Buchdeckel. Sie waren für Durchreisende und seltene Kirchgänger gedacht. Die normalen Gottesdienstbesucher benutzten sie nicht. Das wäre wegen der Farbe des Einbands, die Diebstahl verhindern sollte, aufgefallen. So brachten alle ihre schwarzen Gesangbücher mit Goldschnitt mit. Meines hatte ich vom Vater, mit einer Widmung versehen, zur Konfirmation bekommen. Und die Gottesdienstbesucher, die vor der Neuauflage des Gesangbuches 1953 konfirmiert worden waren, und das waren die meisten, hatten sich eben ein neues gekauft.

Auf meinem zwanzigminütigen Fußweg zur Kirche hielt ich das Gesangbuch in der rechten Hand. Die Leute sollten ruhig sehen, dass ich zum Gottesdienst ging. So wollte ich in jugendlichem Eifer Stolz und Bekenntnisfreudigkeit ausdrücken.

Wenn wir am Sonntag einen Tagesausflug unternahmen und um die Gottesdienstzeit mit dem Auto oder dem Bus durch Dörfer und Kleinstädte meiner gemischtkonfessionellen Heimat fuhren, bot sich überall das gleiche Bild: Frauen und Männer, Mädchen und Buben eilten mit dem Gesangbuch in der Hand einer katholischen oder evangelischen Kirche entgegen.

Auf den zweitausend Sitzplätzen der Tuttlinger Stadtkirche verloren sich an normalen Sonntagen die Gottesdienstbesucher. Ihr Abstand voneinander betrug weitaus mehr als eineinhalb Meter. Beieinander saßen nur Ehepaare. Die meisten kannte ich vom Sehen. Das Kirchenschiff konnte ich von der Empore überblicken. Dort hatte ich eine Bank für mich allein. Trotz des Abstands von den anderen Gottesdienstbesuchern, empfand ich ein Gemeinschaftsgefühl. Es wurde durch das gemeinsame Singen gespeist, das miteinander gesprochene Vaterunser und - durch das in Württemberg übliche Stille Gebet.

Abendmahl wurde nur selten (sechsmal im Jahr?) gefeiert. Und zwar im Anschluss an den Predigtgottesdienst, der bezeichnenderweise „Hauptgottesdienst“ hieß. Danach verließ der Großteil der Besucher die Kirche. Zurück blieb nur ein kleiner Rest, und darunter waren fast keine jungen Leute wie ich. Der Pfarrer trug über dem schwarzen Talar – gemäß reformatorischer Tradition - ein weißes Chorhemd. Die meisten Besucher waren dagegen schwarz oder grau gekleidet. Schließlich standen im Mittelpunkt der Feier das Sündenbekenntnis der Gemeinde und die Sündenvergebung durch den Pfarrer. 

Eine Abendmahlsfeier ist mir besonders in Erinnerung geblieben. Ich sehe noch die gebückten alten Frauen mit ihren schwarzen Hüten und höre, wie sie mit brüchigen Stimmen sangen: „Nun stehn wir, Herr, in deinem Saal mühselig und beladen“ (EG 224). Württembergischer Tradition folgend empfing man Oblate und Wein stehend, nicht kniend wie in anderen lutherischen Kirchen. Trotzdem wäre es undenkbar gewesen, sich anschließend an den Händen zu fassen.

Dass das, was ich skizziert habe, keine Tuttlinger, sprich: exotischen Eigenarten waren, zeigt eine Äußerung des Dekans der anglikanischen Christuskathedrale Oxford Martyn Percy, die ich kürzlich las: Mit der für Engländer typischen Selbstironie schreibt er, auf Vorschriften der Coronazeit anspielend, die anglikanische Kirche habe „fast vierhundert Jahre ohne große Mühe sozialen Abstand praktiziert“. Beim Abendmahl, das bis in die Sechzigerjahre auch in der Kirche von England getrennt vom normalen Sonntagsgottesdienst gefeiert wurde, hätten die Besucher mit den Banknachbarn nur „geringen Augenkotakt“ gepflegt und „körperliche Nähe“ vermieden. Und beim Verlassen der Kirche habe man sich vom Pfarrer allenfalls „mit einem Kopfnicken“ verabschiedet, auf keinen Fall mit Handschlag.

In den Siebzigerjahren besuchte ich in Zürich einen Baptistengottesdienst. Plötzlich forderte der Pfarrer die Anwesenden auf, den Banknachbarn zu begrüßen und sich vorzustellen. Das erstaunte und freute mich, ich empfand es als nette, menschliche Geste. Und ich bin froh, dass heute auch in landeskirchlichen Gottesdiensten Nähe möglich ist und die Kirchgänger persönlich begrüßt und verabschiedet werden.

Mich stört daher, dass in Zeiten von Corona Nähe der Distanz weichen muss. Und ich sehne den Tag herbei, dass dies in der Hochmeisterkirche beendet sein wird. Und ich hoffe, dass wir in Zukunft jeden Sonntag nach dem Gottesdienst zum Kirchenkaffee zusammenkommen, uns austauschen, auf Unbekannte zugehen und ihnen ein Gefühl von Heimat zu vermitteln.

Die Erinnerung an früher hilft mir, etwas leichter die Einschränkungen zu ertragen, die die Coronakrise auch in der Kirche erzwingt. Denn ich habe die Erfahrung gemacht: Wenn man Gottesdienst feiert, ist man mit den anderen Besuchern auch dann verbunden, wenn die räumliche Distanz mehr als eineinhalb Meter beträgt. Jürgen Wandel


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