Veröffentlicht am Mo., 23. Dez. 2019 00:00 Uhr

Monatsspruch Januar 2020 Gott ist treu. (1.Kor 1,9)

Am Tag, an dem ich diese Auslegung schreibe, sind zwei Tage vergangen, seitdem ein schwer bewaffneter Mann versucht hat, in die Synagoge von Halle einzudringen und dort ein Massaker anzurichten. Zwei Tage seitdem sich die Gemeinde dort versammelte, um Jom-Kippur zu feiern – Versöhnungstag, das höchste jüdische Fest und nur Dank des Gemeinde-eigenen Sicherheitskonzepts einer Katastrophe entgangen ist. Zwei Tage seitdem zwei Passanten vom Attentäter in seinem Hass kaltblütig niedergeschossen und weitere verletzt wurden.

Dass wir so drastisch vor Augen geführt bekommen, dass Juden im Land der Shoah im Jahr 2019 lebensbedroht sind, schockiert auch die Christen in unserem Land. Der Gemeindekirchenrat der Halensee Gemeinde, der am Abend der Tat tagte, gedachte spontan der Opfer und lenkte in der Eröffnungsandacht von Jürgen Wandel die Gebete und Bitten zu den jüdischen Mitbürgern. Die großen Kirchen riefen zu solidarischen und schützenden Menschenketten um Synagogen auf. Exemplarisch auch die Reaktion der Bundeskanzlerin, die nach ihrem Besuch in der Gethsemane Kirche am Abend auch die Synagoge in der Oranienburger Straße aufsuchte, um dort mit Rabbinerin Gesa Ederberg an einer Solidaritätskundgebung teilzunehmen.

Seit 2000 Jahren sind Christen und Juden getrennt und verbunden zugleich. Dieser lange Weg ist leider über weite Strecken von Unterdrückung, Vertreibung und Bedrohung von Juden durch Christen gekennzeichnet. Gleichzeitig ist es erfreulicher und auch logischer Weise nie gelungen, die jüdischen Wurzeln des Christentums zu kappen oder in Vergessenheit geraten zu lassen. Das komplizierte und enge Verhältnis von Juden und Christen ist schon am Anfang angelegt. Der Apostel Paulus ist es aus christlicher Perspektive, der erkennt, predigt und enorm erfolgreich verbreitet, dass in Jesus Christus der Gott Israels allen Menschen offenbart wurde. Paulus ist überzeugt, dass sich die Liebe und Treue Gottes nun nicht mehr nur auf sein auserwähltes Volk Israel beschränkt, sondern allen Menschen zuteil wird, die diesen Gott erkennen und an ihn glauben.  Ausgerechnet dieser Saul, der in seinen jungen Jahren ein so eifriger Anhänger einer strengen Auslegung der Tora war, erklärt viele ihrer Vorschriften als für Heiden nicht heilsnotwendig. Er lehrt, dass ein Weg zu Gott allein aus dem Glauben wächst. Aber, er verwirft keineswegs alles. Den Kern dessen, was das Judentum ausmacht, will er allen Menschen verkündigen: Es gibt EINEN Gott. Er steht treu zu den Menschen. Gott verlässt mich nicht – „und ob ich schon wanderte im finstern Tal“. Diese Zusagen gelten laut Paulus für alle Menschen – eine revolutionäre Botschaft für den Großteil der damaligen religiösen Welt, in der die Götter erst durch Opfergaben milde gestimmt werden mussten. Und so beginnt er auch den 1. Korintherbrief (ebenso wie den Römerbrief) mit einem Verweis auf die Treue Gottes.

Diese für uns Christen so existentielle Botschaft, dass auch wir uns Kinder Gottes nennen dürfen, die auf seine Treue vertrauen dürfen, bleibt Herausforderung und Chance zugleich für den Dialog mit unseren jüdischen Mitmenschen, die wir heute erfreulicher Weise als unsere älteren Geschwister im Glauben begreifen. Denn es kann natürlich als unzulässige Vereinnahmung empfunden werden, dass sich mit der Ausbreitung des Christentums nun auf der ganzen Welt Menschen auf die Treue des Gottes berufen, der doch nach jüdischem Verständnis der Gott Israels ist. Auf der anderen Seite ist es wichtig zu betonen, dass Paulus an der Rolle Israels als auserwähltes Volk festhält und sich auch weiterhin als ein Mitglied dieser Gemeinschaft begreift. Aufgabe eines christlich-jüdischen Dialoges ist es, diesen schwierigen Punkten nicht auszuweichen, sondern Wege zu finden, respektvoll nicht nur nebeneinander, sondern auch miteinander Glauben zu leben.

Auf Jom-Kippur folgt Sukkot. In diesem Jahr waren die Mitglieder des Gemeindekirchenrates eingeladen, das jüdischen Laubhüttenfest gemeinsam mit unseren Freunden von der Masorti-Grundschule zu feiern. Ausgesprochen hat die Einladung jene Rabbinerin Ederberg, die am 9. Oktober gemeinsam mit Angela Merkel der Opfer gedachte. Die noch junge Verbindung zwischen Masorti und unserer Gemeinde ist ein wunderbares Geschenk und eine Chance, neue Wege im Austausch mit unseren jüdischen Schwestern und Brüdern zu gehen und den Worten und Gesten der Solidarität Taten folgen zu lassen. Lasst sie uns nutzen!

 Timo Wolff

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