Veröffentlicht am Mo., 12. Aug. 2019 13:45 Uhr

Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe. Mt 10,7 (E)

„Schade, dass Oma Martina nicht aus dem Himmel hinabsteigen kann, damit ich sie kennenlernen kann.“ Oder: „Wenn Oma Martina im Himmel ist, warum kann ich sie nicht sehen, es sind doch keine Wolken am Himmel?“ Solches und ähnliches sagt meine Tochter regelmäßig. Aufgrund meiner Familiengeschichte sind Sterben und Tod für meine Kinder schon früh präsent. Als Lucía zum ersten Mal fragte, wo meine Mutter sei, antwortete ich ihr, weil ich das nahe liegend fand, dass sie im Himmel ist. Ihr Körper sei im Grab, ihre Seele im Himmel.

Die Vorstellung, dass Verstorbene in den Himmel kommen, ist tröstlich. Wir verwenden diese auf den ersten Blick kindgerechte und einfache Erklärung, um etwas zu erklären, das wir selber nicht verstehen.

Doch Kinder können mit Allegorien oder Metaphern nichts anfangen, sie verstehen die Dinge wörtlich. Ich weiß nicht, ob es leichter wäre, gäbe es im Deutschen – wie im Englischen – die Unterscheidung in „heaven“ und „sky“ – wie z. B. in John Lennons wunderbaren Lied: Imagine there’s no heaven / It’s easy if you try / No hell below us / Above us only sky.

Gibt es diesen Unterschied? Ist der Himmel, in dem die Verstorbenen sind, ein allegorischer bzw. ist das Himmelreich, das Reich Gottes, nicht der Himmel, den wir sehen können? Wo beginnt der Himmel? Wie nah oder fern ist er? Wie nah oder fern ist das Reich Gottes? Wie nah oder fern ist Gott?

„Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“ Das gibt Jesus seinen zwölf Jüngern bei ihrer Aussendung auf den Weg. Das Himmelreich ist nahe. Wir warten auf das Himmelreich. Ist die Nähe zeitlich oder räumlich? Was hat das mit der Wartezeit auf das Reich Gottes auf sich? Und wie ist das mit dem Oben und dem Unten? Regelmäßig bekennen wir doch „aufgefahren in den Himmel“.

Mit Himmel versteht man zwar allgemein etwas, das oben oder über uns liegt, den sichtbaren Raum über der Erde; aber wo das oben beginnt, wissen wir nicht. Auch nicht bei dem „wörtlich zu verstehenden“ oder – angeblich – sichtbaren Himmel: Am Himmel stehen die Sterne, Flugzeuge fliegen im Himmel, die Wolken sind am Himmel, Luftballons und Seifenblasen steigen in den Himmel auf, der so mit uns beginnt und sehr nah ist. Genau so nah – und fern – kann der göttliche, nicht-sichtbare oder allegorische Himmel sein. Und wir sind Teil von ihm.

Es gibt ein Lied, das zu jedem Kirchentag gehört: „Wo Menschen sich vergessen, die Wege verlassen; wo Menschen sich verschenken, die Liebe bedenken; wo Menschen sich verbünden, den Hass überwinden, und neu beginnen, ganz neu; da berühren sich Himmel und Erde, dass Frieden werde unter uns.“ Dieses Lied trifft es gut. Die Distanz zwischen Himmel und Erde, zwischen Göttlichem und Irdischem ist eben nicht nur eine, die uns verharren lässt, sondern auch eine, an dessen Überwindung wir mitarbeiten können.

Wir haben wenig Einfluss auf den Weltfrieden, können nur auf die Vernunft der Mächtigen hoffen. Doch den Frieden zwischen uns und unseren Mitmenschen können wir sehr wohl beeinflussen; wenn wir Liebe bedenken und Hass überwinden, berühren sich Himmel und Erde und Friede wird unter uns.

Inzwischen sagen wir unserer Tochter oft, wenn wir über meine Eltern sprechen, dass sie genau in diesem Moment bei uns sind. Ich bin sicher, dass es so ist. Das ist tröstlich und traurig. Auch hier berühren sich Himmel und Erde und darum ist das Bild von den Verstorbenen im Himmel gar nicht so ungeeignet. Indem wir über sie sprechen und an sie denken, sind sie weit weg, und doch ganz nah. Ich sehe meine Eltern immer wieder in meinen Kindern. Ich sehe sie in ihren Gesichtern, in ihren Haaren, ich sehe Eigenschaften (die ich mir selber vielleicht nicht zugestehen möchte) – die Eigenwilligkeit meiner Mutter, die Nervosität und die Expressivität meines Vaters. So leben sie in uns und unseren Kindern weiter und in unserer Erinnerung.

Dafür benötigen wir keine Unterscheidung in „heaven“ und „sky.

Der Himmel und das Himmelreich beginnen bei uns. Es ist nahe.

Katharina Einert  

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