Veröffentlicht am Fr., 1. Feb. 2019 00:00 Uhr

Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen gegenüber der Herrlichkeit, die an uns offenbart werden soll. Röm. 8,18

So spricht der Apostel Paulus von seiner Hoffnung in diesem 8. Kapitel des Römerbriefs, in dem er verschiedene Themen behandelt.  In dem Abschnitt, den der Monatsspruch einläutet, geht es um die Vergänglichkeit aller Geschöpfe und um das Leiden, auch das Leiden an dieser Vergänglichkeit, und darum, wie Menschen damit fertig werden und umgehen können. Durch die Hoffnung auf die noch unsichtbare zukünftige Herrlichkeit nämlich, die dazu verhilft, den gegenwärtigen Zustand nur als einen Übergang zu sehen, das Leiden der Menschen, das Leiden der Schöpfung und aller Kreatur. „Die ganze Schöpfung seufzt“, schreibt Paulus, aber er interpretiert dieses Seufzen als Geburtswehen. Wie die Mutter den Geburtsschmerz vergisst, sobald das Neugeborene in ihren Armen liegt, so wird es auch mit dem Leiden der Menschen und der Schöpfung sein:  Sobald das Alte vergangen und das Neue geboren ist,  sobald die Gottesherrschaft anbricht, wird aller Kummer und Schmerz vergessen sein, dann ist da nur noch Freude.

Paulus war sicher, dass das sehr bald der Fall sein, dass er es selbst erleben würde. Er war überzeugt, in genau dieser Übergangszeit zu leben. Zweitausend Jahre später ist es schwer, Paulus‘ Überzeugung so ungebrochen zu teilen, und es zeigt sich, wie schwierig es ist, so einen einzelnen Satz aus seinem Zusammenhang und seiner Zeit zu reißen. Die Naherwartung des Paulus teilen wir nicht.

Was er über die Schöpfung sagt, hat sich dagegen eher noch verschärft. Die Schöpfung seufzt nicht nur, sie schreit, sie stöhnt, sie ächzt. Und wehrt sich gegen den Raubbau, dem sie ausgesetzt war und ist, schlägt um sich, kratzt und beißt und spuckt. Vulkanausbrüche, Erd- und Seebeben, Tsunamis, extreme Dürren und extreme Überflutungen kosten Tausende das Leben. Millionen leiden an Hunger und Krankheiten, fliehen vor Armut, Krieg und Gewalt.

„Ich bin überzeugt, dass die Leiden dieser Zeit nicht ins Gewicht fallen“? Nein, ich bin nicht überzeugt. Ich glaube, sie fallen sehr wohl ins Gewicht, sie wiegen schwer. Hinter den großen Zahlen stehen viele einzelne Schicksale, jede Ziffer ein Mensch, ein Name, eine Frau, ein Mann, ein Kind. Die Aussicht auf eine zukünftige Herrlichkeit mildert nicht ihren Schmerz und ihre Trauer. Sie macht das gegenwärtige Leiden nicht leichter erträglich.

Viel zu oft sind Leidende vertröstet worden mit der Aussicht auf die jenseitige Herrlichkeit. Viel zu lange hat auch die Kirche damit gegenwärtiges Leiden ignoriert, die bestehenden Verhältnisse legitimiert und nichts daran geändert, sondern zum geduldigen Ertragen aufgerufen. Die Hoffnung könne helfen beim geduldigen Warten, meinte Paulus. Er rechnete damit, dass es sich ja nur um eine kurze Zeitspanne handelte. Uns sollte die Hoffnung eher ermutigen, nicht länger zu warten und abzufinden mit dem Leiden, sondern endlich zu handeln.

Mit der Geduld am Ende, aber nicht mit der Hoffnung. Die sich, so geht es mir jedenfalls, weniger auf eine inhaltlich unbestimmte Herrlichkeit richtet, sondern sich aus den letzten beiden Versen im 8. Kapitel speist: Dass uns nichts trennen kann von der Liebe Gottes, die uns in Jesus begegnet. Jesus, für den jedes Leiden Gewicht hatte; der zum Mitleidenden wurde und so den Leidenden nahe kam und der uns seiner Nähe versichert, „alle Tage, bis an der Welt Ende.“

Jutta Schreur

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